“Südwesten Spitze bei Fachpersonal in Kitas”: Wirklich?
3. Februar 2026
Kürzlich erschienen in der Presse mehrere Berichte zu einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung und des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖiF) der Uni Wien. Laut der Studie belegt Baden-Württemberg bundesweit den ersten Platz in puncto Fachpersonal: Demnach erreichten 36 % der Kitas in BW die Personalausstattungsquote zu 100 Prozent und weitere 36 % lägen ebenfalls bei knapp 100 % (eine etwas verkürzte Darstellung für lt. Studie 80 bis 100 %).
Stuttgart, 3. Februar 2026. Ein Bericht der dpa mit dem Tenor „So schlecht geht es euch ja in Baden-Württemberg gar nicht“ hat in der baden-württembergischen Presse („Südwesten Spitze bei Fachpersonal in Kitas“ u. ä.) vielfach seinen Niederschlag gefunden. Diese etwas verkürzte Berichterstattung erweist der Motivation in den Kitas einen Bärendienst. Auch die Kampagne einiger Oberbürgermeister in Baden-Württemberg, die kürzlich eine Absenkung der Standards gefordert hatten, sind Forderungen, die angesichts solcher Beiträge noch lauter werden dürften, aber bestimmt nicht der Entwicklung unserer Kinder dienlich sind.
Gegen derartige Forderungen positioniert sich der Landesverband Kath. Kitas mit Nachdruck. Die Qualität der Bildung und Betreuung in unseren Kitas, das Wohlergehen der Kinder und die Motivation der Pädagoginnen und Pädagogen stehen für uns an erster Stelle und dürfen nicht durch irreführende Vergleiche wie dem Personalschlüssel aufgeweicht werden.
Kritik am Personalschlüssel als unzureichender Größe
Grundlage der Bertelsmann- sowie der ÖiF-Studie ist ein Vergleich der Personalschlüssel der Bundesländer. Die Berechnung der Fachkraftquote ist an sich ein gutes Instrument für einen bundesweiten Vergleich. Wie so oft, muss man aber die spezifischen Rahmenbedingungen im Land hinzuziehen, um die Ergebnisse bewerten zu können, sonst vergleicht man Äpfel mit Birnen. So können laut Kita-Verordnung bis zu 20 Prozent der Kita-Mitarbeitenden Nicht-Fachkräfte sein, sie gehen aber in die Erfüllung der Fachkräfte-Quote ein. Weitere Aspekte:
Verschlechterte Rahmenbedingungen haben Einfluss auf Qualität
Die pädagogische Qualität (konzeptionelle Arbeit, Entwicklungsbeobachtung, Elterngespräche) liegt in der Verantwortung von immer weniger Fachkräften. Nur mit gut ausgebildetem Personal in ausreichender Anzahl können Kitas gute Qualität in Erziehung, Bildung und Betreuung gewährleisten (und das ist der Anspruch aus dem SGB VIII). Die gute, transparente zuverlässige und planbare Kinderbetreuung kann nur mit motiviertem und gutem Personal erreicht werden. Bei einer Autoreparatur möchte man auch Profis ans Werk lassen – das gilt für die Kinder ja wohl erst recht!
Durch sich stetig verschlechternde Rahmenbedingungen wird das Personal demotiviert. Die Personen sind dann öfter krank, wechseln die Branche und machen keine Werbung für diesen Beruf. Es kommt zu einer zunehmenden Abwanderung von pädagogischen Fachkräften aus dem Beruf.
Mehraufwand durch fehlende oder verspätete Eingliederungshilfe
Im heutigen Kita-Alltag sind pädagogische Fachkräfte durch unterschiedlichste Einflüsse und Lebenssituationen in den Elternhäusern vor Herausforderungen gestellt. In der Praxis sind pädagogische Herausforderungen durch Kinder ohne Diagnose weitaus häufiger als in der Studie herausgearbeitet. Einen diagnostizierten Anspruch auf Eingliederungshilfe haben im Kita-Alltag die wenigsten Kinder. Es gibt Wartezeiten von ein bis eineinhalb Jahren, bis in den Sozialpädagogischen Zentren überhaupt eine Diagnose gestellt werden kann. Deshalb unterschätzt die Studie systematisch den Mehraufwand, der für die Fachkräfte entsteht, weil in ihr nur die Kinder mit Diagnose berücksichtigt wurden.
Kinder, die durch das Netz der Eingliederungshilfe fallen, benötigen viel Aufmerksamkeit und eine hohe Fachlichkeit, die bei Nicht-Fachkräften oft nicht vorhanden ist. Und wenn die Eingliederungshilfe dann irgendwann genehmigt wird, stehen Kitas vor dem nächsten Problem: Personen für die Eingliederungshilfe werden häufig nicht gefunden, sodass Unterstützung für das Personal nicht vorhanden, das Kind aber dennoch in der Einrichtung ist.
Wirtschaftlicher Nutzen guter Bildung von Anfang an
Baden-Württemberg liegt NUR bei einer Quote von 36 % der Kitas, die den Personalschlüssel erfüllen– das ist weit entfernt von 100 Prozent. Zwar blicken wir mit Stolz und Zufriedenheit darauf, dass wir im Land besser dastehen als viele andere, aber dennoch gibt es auch in unserem Bundesland einen hohen Bedarf, die Kinderbetreuung für Kinder und pädagogische Fachkräfte zielführend zu gestalten.
Investitionen in frühkindliche Bildung sind gut investiertes Geld! Hier ist das Land Baden-Württemberg durchaus mit Weitsicht unterwegs. Es ist wissenschaftlich belegt, dass sich gute Kinderbetreuung letztlich in besseren Schulabschlüssen, einer Stärkung der Wirtschaft und einem geringeren Bedarf am Bezug von Sozialleistungen widerspiegelt.
Vom „Return on Kita-Investment“ hat auch Prof. Dr. Harald Christa von der Evang. Hochschule Dresden kürzlich auf der Veranstaltung „Ein System, viele Stimmen“, einem bundesweiten Austausch zur Kita-Finanzierung des KTK-Bundesverbands, gesprochen: Das Geld, das in unsere Kitas gesteckt wird, wird letztlich zu monetären Rückflüssen führen: Kinder mit guter frühkindlicher Bildung und Betreuung geben dem Staat später mehr zurück, berufstätige Eltern stärken die Unternehmen – Investitionen in frühkindliche Bildung haben also einen monetären Aspekt, der auch die Wirtschaft stärkt – ein Fakt, der oftmals in der Politik übersehen wird.
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